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Schaut man auf eine Weltkarte, fällt sofort etwas Merkwürdiges auf: Die größte Insel der Welt – Grönland – gehört nicht zu Kanada oder den USA, obwohl sie direkt daneben liegt. Stattdessen gehört sie zum kleinen Dänemark, das über 3.500 Kilometer entfernt in Europa liegt. Wie kommt das? Die Antwort führt uns über 1.000 Jahre zurück in die Geschichte – zu den Wikingern, mächtigen Königen, einem norwegischen Pfarrer und einem entscheidenden Friedensvertrag. Es ist eine Geschichte von kluger Diplomatie, glücklichen Zufällen und einem Rechtsanspruch, der Jahrhunderte überdauerte.


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Die Wikinger-Zeit: Alles begann mit einem Verbannten (982–1400)

Die Geschichte beginnt mit Erik dem Roten – einem Wikinger mit ziemlich schlechtem Ruf. Erik hatte in Island einen Mann erschlagen und wurde vom Thing (der Volksversammlung) für drei Jahre verbannt. Da er auch in Norwegen nicht willkommen war (sein Vater war von dort bereits verbannt worden), blieb ihm nur eine Möglichkeit: nach Westen segeln, in unbekannte Gewässer. Erik hatte von einem Seefahrer namens Gunnbjörn gehört, der Jahrzehnte zuvor Land im Westen gesichtet hatte. Im Jahr 982 machte sich Erik auf die Suche – und fand eine riesige Insel. Drei Jahre lang erkundete er die Südwestküste und entdeckte fjordreiche Landschaften mit grünen Tälern, die Weideland für Vieh boten.

Um Siedler anzulocken, nannte er das Land „Grønland" (Grünland) – ein früher Marketing-Trick, der funktionierte. Im Jahr 986 brach eine Flotte von 25 Schiffen von Island auf. Nur 14 erreichten ihr Ziel, doch die Überlebenden gründeten zwei dauerhafte Siedlungen: die Ostsiedlung (Eystribyggð) nahe dem heutigen Qaqortoq mit etwa 4.000 Einwohnern auf ihrem Höhepunkt, und die Westsiedlung (Vestribyggð) nahe dem heutigen Nuuk mit etwa 1.000 Einwohnern. Diese Siedler waren Norweger und Isländer – sie sprachen Altnordisch, waren Christen und verstanden sich als Teil der nordischen Welt. Grönland war also von Anfang an kulturell mit Skandinavien verbunden.

Rund 300 Jahre lang regierten sich die grönländischen Siedler selbst, ähnlich wie in Island mit einem Thing-System, in dem freie Bauern zusammenkamen und Recht sprachen. Doch im 13. Jahrhundert änderte sich das: Der norwegische König Håkon IV. wollte alle nordischen Siedlungsgebiete unter seiner Krone vereinen. Im Jahr 1261 schworen die Grönländer dem König Treue und verpflichteten sich zur Zahlung von Steuern – oft in Form von Walrosszähnen, Robbenfellen, Eisbärenpelzen und dem kostbaren Narwalhorn, das in Europa als „Einhorn-Horn" verkauft wurde. Im Gegenzug garantierte der König regelmäßige Handelsschiffe mit lebenswichtigen Waren. Dieser Moment ist der juristische Urknall: Ab 1261 gehörte Grönland offiziell zur norwegischen Krone – ein Rechtsanspruch, der Jahrhunderte überdauern sollte.

Im 15. Jahrhundert verschwanden die nordischen Siedler aus Grönland. Die letzte schriftliche Aufzeichnung stammt von einer Hochzeit in der Hvalsey-Kirche im Jahr 1408. Was geschah? Historiker vermuten mehrere Gründe: Die „Kleine Eiszeit" machte das Klima härter, der Schwarze Tod dezimierte die Bevölkerung in Norwegen (sodass kaum noch Handelsschiffe kamen), und die Nachfrage nach Walrosselfenbein sank, als afrikanisches Elfenbein Europa erreichte. Doch eines geschah nie: Die dänisch-norwegischen Könige gaben ihren Anspruch nicht auf. Sie führten weiterhin stolz den Titel „Herr zu Grönland" in ihrer Titulatur – ein symbolischer Akt, der sich Jahrhunderte später als entscheidend erweisen sollte.


Der Übergang zu Dänemark (1380–1721)

Wie wurde aus norwegischem Besitz dänischer? Durch Heirat, Vererbung und Machtverschiebungen. Im Jahr 1380 erbte Olav IV. beide Kronen: die dänische und die norwegische. Er war der Sohn der mächtigen dänischen Königin Margarethe I. und des norwegischen Königs Håkon VI. Damit entstand eine Personalunion – Dänemark und Norwegen wurden von demselben Monarchen regiert. Mit der Gründung der Kalmarer Union 1397 (die auch Schweden einschloss) verschob sich das politische Zentrum Skandinaviens endgültig nach Kopenhagen. Die norwegische Verwaltung verlor an Bedeutung, und obwohl Grönland formal ein norwegisches Nebenland blieb, liefen alle wichtigen Entscheidungen über die dänische Hauptstadt. Für die nächsten 300 Jahre existierte Grönland in einer Art Dornröschenschlaf: beansprucht, aber vergessen.

Die Wende kam 1721 durch einen norwegischen Pfarrer mit einer Mission: Hans Egede (1686–1758). Egede hatte von den alten Wikinger-Siedlungen gehört und machte sich Sorgen um deren Seelenheil. Jahrelang lobbyierte er am Hof in Kopenhagen für eine Expedition. König Friedrich IV. erkannte die Chance: Die Missionierung bot einen moralischen Vorwand, um den alten Anspruch auf Grönland zu reaktivieren. Am 3. Juli 1721 landete Egede an der Westküste – Wikinger fand er keine, dafür traf er auf die Inuit. Statt umzukehren, blieb er und begann, sie zu missionieren. Dieser Moment markiert den Übergang: Aus einem theoretischen Anspruch auf dem Papier wurde eine echte Präsenz vor Ort.

Die Missionierung ging Hand in Hand mit wirtschaftlicher Kontrolle. Im Jahr 1774 gründete der dänische Staat den „Königlichen Grönländischen Handel" (KGH), der das alleinige Recht erhielt, in Grönland Handel zu treiben. Ausländischen Schiffen war das Anlaufen der Küste verboten. Diese Abschottungspolitik sollte die Inuit vor Alkohol und Krankheiten schützen – und bewies gleichzeitig der Welt: Dänemark beansprucht Grönland nicht nur, sondern verwaltet es auch tatsächlich. Mit der Gründung von Kolonien wie Godthåb (heute Nuuk), Jakobshavn (heute Ilulissat) und Julianehåb (heute Qaqortoq) entstand ein Netzwerk von Verwaltungszentren, alle direkt Kopenhagen unterstellt.


Der entscheidende Moment: Der Frieden von Kiel (1814)

Über 400 Jahre lang waren Dänemark und Norwegen vereint. Das änderte sich durch die Napoleonischen Kriege. 1807 griff die britische Flotte Kopenhagen an und raubte die gesamte dänische Kriegsflotte – der berüchtigte „Flottenraub". Gedemütigt und ohne Schiffe ging Dänemark ein Bündnis mit Napoleon ein, was sich als fataler Fehler erwies. Als Napoleon 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen wurde, stand Dänemark auf der Verliererseite. Schweden, das auf der Seite der Alliierten kämpfte, forderte nun Norwegen als Kompensation für den Verlust Finnlands an Russland.

Am 14. Januar 1814 unterzeichnete König Friedrich VI. den Frieden von Kiel. Der Vertrag beendete die 434-jährige Union – Dänemark musste das gesamte Königreich Norwegen an Schweden abtreten. Doch im Vertragstext fand sich eine entscheidende Klausel:

„...mit allen Rechten und Vorteilen, so wie das Ganze bisher von Seiner Majestät dem Könige von Dänemark besessen worden [...] Hiervon ausgenommen sind jedoch Grönland, die Färöer-Inseln und Island, welche nicht mit darin begriffen sein sollen."

— Artikel 4, Frieden von Kiel, 14. Januar 1814

Mit diesem einen Satz wurden Grönland, die Färöer und Island von Norwegen abgetrennt und blieben bei Dänemark. Historiker diskutieren bis heute, wie es zu dieser Ausnahme kam: Wollte Großbritannien als dominierende Seemacht verhindern, dass Schweden zu mächtig wird? Hatte Schweden schlicht kein Interesse an den „wertlosen" arktischen Inseln? Oder argumentierte Kopenhagen geschickt, dass diese Gebiete immer direkt von Dänemark verwaltet wurden? Was auch immer der wahre Grund war – das Ergebnis steht fest: Grönland wurde von einem norwegischen Nebenland zu einem rein dänischen Besitz.


Der Streit mit Norwegen (1905–1933)

Die Geschichte war damit noch nicht vorbei. Im Jahr 1905 löste sich Norwegen friedlich von Schweden und wurde ein unabhängiges Königreich. Mit der neuen Unabhängigkeit erwachte auch der Wunsch, die „verlorenen" Kolonien zurückzugewinnen – viele Norweger empfanden den Kieler Frieden als historisches Unrecht. Um seinen Anspruch auf ganz Grönland international abzusichern, suchte Dänemark die Anerkennung anderer Staaten. 1917 erklärten die USA im Rahmen des Verkaufs von Dänisch-Westindien, keine Einwände zu haben. 1919 gab der norwegische Außenminister Nils Claus Ihlen eine mündliche Erklärung ab: „Die norwegische Regierung wird der Regelung dieser Frage keine Schwierigkeiten bereiten." Ihlen hielt dies wohl für eine unverbindliche Höflichkeitsfloskel – doch im Völkerrecht gelten auch mündliche Erklärungen als bindend.

Trotzdem eskalierte die Lage am 27. Juni 1931: Norwegische Trapper hissten in Myggbukta (Ostgrönland) die norwegische Flagge und proklamierten die Besetzung des Gebiets als „Eirik Raudes Land". Die norwegische Regierung bestätigte die Okkupation offiziell. Dänemark reagierte besonnen und brachte den Fall vor den Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Das Urteil vom 5. April 1933 war eindeutig: 12 zu 2 Stimmen für Dänemark. Das Gericht erkannte an, dass Dänemark seit 1721 durchgehend den Willen gezeigt hatte, über ganz Grönland zu herrschen. In dünn besiedelten Gebieten wie der Arktis reiche eine „sporadische Machtausübung" aus – und die Ihlen-Erklärung war völkerrechtlich bindend. Norwegen akzeptierte das Urteil, die Grönland-Frage war endgültig geklärt.


Grönland im Wandel: Von der Kolonie zur Selbstverwaltung

Das Urteil von 1933 klärte die Grenzen nach außen, doch der innere Status Grönlands blieb zunächst: eine Kolonie. Der Zweite Weltkrieg brachte eine dramatische Wende – als Nazi-Deutschland am 9. April 1940 Dänemark besetzte, war Grönland plötzlich isoliert. Der dänische Botschafter in Washington, Henrik Kauffmann, handelte eigenmächtig und schloss 1941 einen Vertrag mit den USA: Amerika übernahm den Schutz Grönlands und errichtete Militärbasen. Die strategische Bedeutung der Arktis war nun offensichtlich geworden.

Nach dem Krieg war klar: Das alte Kolonialmodell hatte ausgedient. Dänemark reagierte schrittweise: 1953 wurde Grönland mit einer Grundgesetzänderung von einer Kolonie zu einem gleichberechtigten Teil des Königreichs – die Grönländer erhielten das Wahlrecht und Sitze im dänischen Parlament. 1979 folgte die Einführung der „Hjemmestyre" (Heimatverwaltung) mit eigenem Parlament und eigener Regierung. Der bisher größte Schritt kam 2009 mit dem „Selvstyre" (Selbstregierung): Grönländisch (Kalaallisut) wurde alleinige Amtssprache, die Grönländer wurden als eigenes Volk im völkerrechtlichen Sinne anerkannt, und das Gesetz sieht sogar die Möglichkeit einer vollständigen Unabhängigkeit vor – wenn die Grönländer dies in einem Referendum beschließen.


Heutige Zuständigkeiten: Wer macht was?

Heute ist Grönland Teil des „Rigsfællesskabet" – der Reichsgemeinschaft, zu der auch die Färöer gehören. Die Aufgabenteilung zwischen Nuuk und Kopenhagen ist klar geregelt:

Bereich Grönland (Nuuk) Dänemark (Kopenhagen)
Außenpolitik
Verteidigung
Währung (Dänische Krone)
Oberster Gerichtshof
Staatsbürgerschaft
Gesundheitswesen
Bildung
Steuern
Fischerei & Jagd
Rohstoffe & Bergbau
Infrastruktur & Verkehr
Polizei & Justiz (untere Instanzen)

Dänemark zahlt jährlich einen Blocktilskud (Blockzuschuss) von etwa 3,9 Milliarden Dänischen Kronen (ca. 520 Millionen Euro) an Grönland – das macht etwa die Hälfte des grönländischen Staatshaushalts aus. Wenn Grönland eines Tages vollständig unabhängig werden möchte, müsste es diese finanzielle Abhängigkeit überwinden.


Zeittafel: Grönlands Weg zu Dänemark

Jahr Ereignis
982 Erik der Rote entdeckt Grönland während seiner Verbannung aus Island
986 Erste Wikinger-Siedlungen werden gegründet
1261 Grönland unterwirft sich der norwegischen Krone
1380 Personalunion: Dänemark und Norwegen unter einem König
1397 Kalmarer Union – Kopenhagen wird Machtzentrum
1721 Hans Egede beginnt die dänische Kolonisierung
1814 Frieden von Kiel – Grönland bleibt bei Dänemark
1933 Internationaler Gerichtshof bestätigt dänische Souveränität
1953 Grönland wird gleichberechtigter Teil des Königreichs
1979 Einführung der Hjemmestyre (Selbstverwaltung)
2009 Selvstyre – erweiterte Selbstregierung

Zusammengefasst

Die Antwort auf „Warum gehört Grönland zu Dänemark?" lässt sich in sechs Punkten zusammenfassen: Wikinger gründeten die ersten Siedlungen (986), Norwegen übernahm die Herrschaft (1261), Dänemark erbte den Anspruch durch die Kalmarer Union (1397), Hans Egede reaktivierte die Kolonie (1721), der Kieler Frieden sicherte den Besitz (1814), und der Internationale Gerichtshof bestätigte die Souveränität endgültig (1933). Heute ist Grönland weitgehend autonom, aber immer noch Teil des dänischen Königreichs. Die Grönländer entscheiden selbst über ihre Zukunft – theoretisch könnten sie die Unabhängigkeit per Referendum beschließen. In Zeiten des Klimawandels und neuer Rohstoffinteressen rückt Grönland zunehmend in den geopolitischen Fokus. Die Geschichte dieser Insel ist noch lange nicht zu Ende geschrieben.