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📷 Detlef Wiens / Google Places
📖 Über Bonbon Museum 2.0
Stell Dir vor, Du bist irgendwo in den weiten Heiden von Thy unterwegs – Nationalpark rechts, Nordseewind links, und plötzlich fragst Du Dich: Was braucht dieses malerische Fleckchen Erde eigentlich noch? Die Antwort lautet natürlich: ein Bonbonmuseum. Und zwar Dänemarks einziges. Willkommen im Bonbonmuseum 2.0 in Svankær, wo ein deutsches Auswandererpaar beweist, dass man aus einem ehemaligen Sägewerk, einer Prise Zufall und einer gehörigen Portion Leidenschaft das süßeste Museum Skandinaviens erschaffen kann. Hier riecht die Luft nach frisch gekochten Hartkaramellen, und man verlässt das Gelände mit einem Tütchen Bonbons in der Hand und einem Lächeln im Gesicht – so breit wie ein Gummibärenmund. Das Besondere: Der Eintritt ist kostenlos. Kein Scherz. Das Museum finanziert sich ausschließlich über den Verkauf der selbst hergestellten Süßwaren. Kein Eintrittsgeld, kein Kassenzettel über fünf Euro für eine Broschüre – einfach reingehen, staunen, probieren, kaufen, glücklich sein. Das nennt man ein Geschäftsmodell, das man wirklich mögen kann.Geschichte & Hintergrund
Die Geschichte des Bonbonmuseums beginnt, wie alle wirklich guten Geschichten, mit einem alten Hof und einem Sohn, der seinen Eltern ein Kochset schenkt. Der sogenannte „Heidehof" auf Hedegårdsvej 5 bei Svankær wurde bereits 1850 erbaut und zählt zu den größten Gutshöfen der Region Sydthy. Als Anita und Manfred Müller – sie ehemalige Kriminalkommissarin, er ehemaliger Bergarbeiter, beide restlos von Thy begeistert – den heruntergekommenen Hof 1999 kauften und restaurierten, war zunächst von Bonbons noch keine Rede. Sie betrieben Dänemarks kleinstes Sägewerk, das sogenannte „Svankjær Lille Savværk", im ehemaligen Kuhstall des Hofes. 2002 kam eine Kerzenmanufaktur hinzu, in der originale dänische Spinnwebkerzen gefertigt wurden. Den entscheidenden Anstoß zum Bonbonmuseum gab Sohn Tobias: Er schenkte seinen Eltern irgendwann ein Bonbonkoch-Anfänger-Set. Die Müllers fanden das lustig – und dann immer ernster. Ein alter deutscher Konditormeister stellte zwei historische Bonbonmaschinen und Zuckerformen zur Verfügung. Weltweit wurden Exponate gesammelt. Die Firma Haribo, die in Dänemark so populär ist, dass viele sie für ein dänisches Unternehmen halten, steuerte Originalgipsstempel aus der Weingummiproduktion bei. Die Firmengeschichte von HAns RIegel BOnn – der in seiner Heimküche in Bonn-Kessenich die Süßwarenproduktion aufbaute – inspirierte schließlich die Entscheidung, die alte Scheune des Hofes als Museumsstandort zu nutzen: Ein bescheidener Anfang in einem Wirtschaftsgebäude, aus dem Großes wurde. Im Oktober 2009 öffnete das Museum – damals noch unter dem Namen „Frøken Fines Bonbonmuseum" – seine Türen und wurde innerhalb kürzester Zeit zum Publikumsmagneten der Region. Der Erfolg war so groß, dass bald eine Vorführküche ergänzt wurde, damit die Besucher die historischen Maschinen auch in Betrieb erleben konnten. Dann kam der 6. Dezember 2017. An jenem Mittwoch entdeckten die Inhaber Rauch in einem der Gebäudeflügel. Feuerwehrleute aus Hurup, Hanstholm und Thisted kämpften stundenlang gegen die Flammen. Ein Kurzschluss in einem stromführenden Kabel hatte das Feuer ausgelöst. Manfred und Anita Müller standen dabei und sahen zu, wie ihr Lebenswerk in Rauch aufging – das Bonbonmuseum und das Sägewerk gleichermaßen. Bereits am Tag darauf trafen sie eine Entscheidung, die den Charakter dieser beiden Menschen besser beschreibt als jede Biographie: Sie würden neu aufbauen. Mit Hilfe örtlicher Handwerksbetriebe, großem Zuspruch ihrer treuen Gäste und einer reibungslosen Versicherungsabwicklung öffnete das Museum am 1. Juli 2018 als Bonbonmuseum 2.0 seine Tore – das „2.0" als stolzes Zeichen des Neuanfangs.Besonderheiten & Highlights
Was macht das Bonbonmuseum 2.0 so besonders? Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Es ist das einzige Bonbonmuseum Dänemarks. Punkt. Aber das wäre zu kurz gegriffen.- Rund 140 Bonbonsorten stehen im Angebot – und viele davon kannst Du einfach probieren, bevor Du kaufst. Das ist kein Museum, das sich hinter Glasvitrinen versteckt.
- Nur Naturaromen: Im Bonbonmuseum 2.0 wird ausschließlich mit natürlichen Aromen oder ätherischen Ölen gearbeitet. Keine chemischen Zusatzstoffe, keine künstlichen Geschmacksverstärker – nur echter Geschmack.
- Historische Maschinen in Aktion: Du kannst erleben, wie Hartkaramellen um 1880–1900 mithilfe von Maschinen hergestellt wurden – Maschinen, die nach mehr als 100 Jahren noch funktionsfähig sind und regelmäßig in Betrieb genommen werden.
- Zuckerformen und Zuckerfiguren: In der Ausstellung erfährst Du alles über Zuckerhasen und historische Gussformen – und kannst zuschauen, wie einzigartige Zuckerfiguren und Lollis entstehen.
- Handarbeit wie vor Jahrhunderten: Während deutsche Bonbons schon früh maschinell mit Bonbonwalzen geformt wurden, werden die dänischen Bolsjer traditionell von Hand geformt. Diesen Unterschied kann man hier hautnah erleben.
- Der Bestseller heißt „Thors Hammer" – und ist fast ausschließlich vor Ort erhältlich. Einzige bekannte Ausnahme: das Wikingermuseum Haithabu bei Schleswig.
- Freier Eintritt: Das Museum finanziert sich vollständig über den Verkauf der selbst hergestellten Hartkaramellen – ganz ohne öffentliche Gelder und ohne Eintrittskasse.
Dein Besuch vor Ort
Wenn Du auf dem Hof in Svankær ankommst, empfängt Dich nicht das sterile Ambiente eines Stadtmuseums, sondern der Charme eines restaurierten Gutshofes direkt am Nationalpark Thy. Die Ausstellung entführt Dich in die Welt der süßen Köstlichkeiten: Du siehst alte Bonbondosen, antiquarische Bücher, Warenmusterkataloge, Postkarten, historische Firmenrechnungen, Werbeaufsteller, Preisschilder, Sammelalben und Werbefiguren. Exponate bekannter Hersteller wie Haribo, Kaiser, Krügerol, Läkerol und längst vergessener Bonbonfabrikanten füllen die Räume – darunter sogar alte Bonbondosen aus der DDR, die Besucher auf Flohmärkten aufgetrieben und mitgebracht haben. In der kleinen Bonbonmanufaktur schaust Du zu, wie vor hundert Jahren Bonbons in echter Handarbeit entstanden – und in der Vorführküche rattert es und dampft es, wenn die historischen Maschinen zeigen, was sie noch draufhaben. Führungen mit persönlichen Erklärungen und vielen Geschichten rund um die Ausstellung werden angeboten – und wer Glück hat, darf sogar selbst einen Lolli formen. Besucher berichten begeistert davon. Wer mit dem Fahrrad kommt, hat übrigens einen besonders guten Stand: Das Museum liegt direkt am dänischen Fahrradweg 1, und Radfahrer werden einem Vernehmen nach mit kostenlosem Kaffee willkommen geheißen. (Besser kann ein Zwischenstopp kaum sein.) Da es sich um ein kleines, privat geführtes Museum handelt, empfiehlt es sich, vor dem Besuch kurz zu prüfen, ob geöffnet ist – gerade außerhalb der Hauptsaison. Die Hochsaison läuft von Mai bis November, aber auch in den Wintermonaten hat schon so mancher Besucher eine offene Tür angetroffen.📌 Kuriositäten & Fun Facts
- Das Bonbon hat auf der Welt mehr Namen als die meisten Menschen Freunde: Bolcher, Bolsjer, Bom, Snoep, Bonsche, Schnongse, Guzzi, Zuckerl, Leckerli, Brocken, Klömpkes, Kamellen, Ballekes, Bömskes, Bröckskes, Zuggestoa, Guudsje, Bolschen, Drops, Bonger, Zückerli, Zockerstei, Schigg, Godis, Karamelli – all das meint dieselbe süße kleine Köstlichkeit.
- Manfred Müller wäre als Bergarbeiter mit 50 Jahren pensionsberechtigt gewesen. Als die Mine schloss, ging er mit 48 in Rente – und landete am Ende in Thy als Bonbonpionier. Der Bergbau verliert, das Bonbon gewinnt.
- Anita Müller war Kriminalkommissarin bei der Polizei. Jetzt kocht sie Karamellen. Die Karrierewende des Jahrtausends.
- Das Paar kam durch die internationale Polizeifreundschaftsorganisation IPA nach Thy: 1990 und 1991 mieteten sie über diese Verbindung eine Ferienunterkunft in Agger – und waren danach schlicht „verkauft".
- Hartkaramellenmaschinen waren in Dänemark eine Rarität, weil sie enorm teuer waren: Sie kosteten leicht das Zweijahresgehalt eines Handkaramellenherstellers.
- Haribo ist in Dänemark so beliebt, dass viele Dänen glauben, es handle sich um eine dänische Marke. Der Gummibärchenhersteller unterstützte das Museum mit Originalgipsstempeln aus seiner Weingummiproduktion.
- Vor dem Brand von 2017 hieß das Museum noch „Frøken Fines Bonbonmuseum" – Fräulein Fines Bonbonmuseum. Der Neustart nach dem Brand brachte den Namen Bonbonmuseum 2.0.
- Zur Wiedereröffnung am 1. Juli 2018 schnitt Thisted Kommunes Bürgermeisterin Ulla Vestergaard das rote Band durch. Das hat nicht jedes Bonbonmuseum – wobei es ja auch nicht viele gibt.
💡 Wertvolle Zusatzinformationen
- Zugänglichkeit: Das Museum liegt in Svankær auf Hedegårdsvej 5, westlich von Bedsted im südlichen Thy, direkt am Nationalpark Thy und am dänischen Fahrradweg 1 – ideal für Radreisende. Mit dem Auto ist der Hof gut erreichbar.
- Empfohlene Besuchsdauer: Plane etwa ein bis zwei Stunden ein – für die Ausstellung, eine Vorführung in der Schauwerkstatt, das ausgiebige Probieren und natürlich den Einkauf.
- Besonderer Hinweis: Da das Museum privat geführt wird, lohnt es sich – besonders außerhalb der Hauptsaison (Mai bis November) – vorab zu prüfen, ob geöffnet ist. Die aktuelle Information findest Du auf der offiziellen Website des Museums.
- Kombitipp: In unmittelbarer Umgebung warten die Skulpturhaven Svankær, die Vestervig Kirke und der wunderschöne Krik Vig Strand im Nationalpark Thy auf Dich – ein ganzer Ausflugs-Tag lässt sich wunderbar rund um das Museum gestalten.
Das Bonbonmuseum 2.0 ist kein gewöhnliches Museum – es ist das liebevoll aufgebaute Herzstück eines alten Heidehofes, das einer Katastrophe getrotzt hat und heute süßer denn je dasteht. Egal ob Du mit Kindern anreist, als Radtourist eine Pause einlegst oder einfach auf der Suche nach einer der sympathischsten Sehenswürdigkeiten Jütlands bist: Hier wirst Du nicht enttäuscht. Und wer weiß – vielleicht verlässt auch Du Svankær mit dem festen Vorsatz, demnächst selbst Bonbons zu kochen. Sohn Tobias würde sich freuen.
