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📖 Über Hausboot für Ho
Ein Hausboot, das kein Hausboot ist — zumindest nicht im Sinne von Frühstück auf dem Sonnendeck und Kapitänsmütze im Küchenschrank. Was Dich in dem kleinen Küstendorf Ho an der dänischen Nordsee erwartet, ist etwas viel Merkwürdigeres und gleichzeitig viel Großartigeres: ein Kunstwerk, das buchstäblich zwischen zwei Welten lebt — zwischen Land und Meer, zwischen Bolivien und Dänemark, zwischen Vergangenheit und einer sehr nassen Zukunft. Willkommen bei „Husbåd til Ho", einem der originellsten öffentlichen Kunstwerke, die Dänemark in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Wer beim Begriff „Hausboot" an gemütliche Amsterdamer Grachten denkt, wird hier sanft korrigiert — und zwar auf die charmanteste mögliche Art. Je nach Gezeit und Wetter erlebst Du das Werk entweder als ein malerisches reetgedecktes Landhaus oder als ein schwimmendes Schilfboot, das aussieht, als hätte es sich vom Titicacasee verirrt und beschlossen, einfach zu bleiben. Beides stimmt. Beides ist es.
Geschichte & Hintergrund
Hinter „Husbåd til Ho" steckt der britische Künstler Simon Starling (geboren 1967), der in Kopenhagen lebt und mit dem Turner-Preis ausgezeichnet wurde — dem renommiertesten britischen Kunstpreis. Starling hat ein Faible dafür, Grenzen zu verschieben: zwischen Kunst und Handwerk, zwischen Kulturen, zwischen Formen. Und in Ho hat er eine seiner bemerkenswertesten Arbeiten realisiert. Der Anlass ist so poetisch wie beunruhigend: Ho liegt in einem tiefliegenden Gebiet, das von steigenden Wasserständen bedroht ist. Statt einen Deich zu bauen oder wegzuschauen, antwortete Starling mit einem Kunstwerk — einem arkartig anmutenden Hybridgefährt, das auf beide Szenarien vorbereitet ist: Leben an Land und Leben auf dem Wasser. Eine Prophezeiung in Schilf. Am 14. August 2023 begann der Bau am Ho Ladeplads an der Ho-Bucht, und zwei Monate lang konnten Einheimische und Besucher täglich beim Entstehen zusehen. Am 12. November 2023 wurde das Werk offiziell eingeweiht — am Ortsschild von Ho, mit Ansprachen des Künstlers, Vertretern der Statens Kunstfond (dem Dänischen Kunstfonds) sowie lokaler Politiker und Bürger. Finanziert wurde das Projekt gemeinsam von der Statens Kunstfond und dem Kunstausschuss der Gemeinde Varde, die jeweils eine Million Kronen und 400.000 Kronen beisteuerten.
Besonderheiten & Highlights
Was „Husbåd til Ho" so einzigartig macht, ist nicht nur seine äußere Form — es ist die Geschichte, die darin steckt. Jedes Schilfbündel, jede Naht, jeder Winkel erzählt von einer Begegnung zwischen zwei Kulturen und zwei uralten Handwerkstraditionen.
- Die Hybridstruktur: Das Werk ist halb Landhaus, halb Schilfboot. Es wechselt seine Identität je nach Tide und Wetterlage — mal liegt es ruhig wie ein Reetdachhaus im norddänischen Stil, mal wirkt es wie ein fremdes Wasserfahrzeug, das gerade angelegt hat.
- Das Baumaterial: Sowohl das Boot als auch das Dach bestehen aus Schilf — demselben Rohmaterial, verarbeitet nach zwei völlig unterschiedlichen Techniken. Die Ausrichtung der Schilfbündel verändert sich fließend: horizontal am Bootsboden, nach oben gebogen an Bug und Heck, dann senkrecht im wetterfesten Reetdach.
- Die kulturübergreifende Zusammenarbeit: Das Boot wurde von der Familie Esteban aus Bolivien gebaut, die das Museo de Balsas de Totora am Ufer des Titicacasees betreibt — eine lebendige Hüterin einer 7.000 Jahre alten Handwerkstradition. Das Reetdach übernahmen Bjarne Johansen, Dänemarks erster examinierter Reetdachdecker, und der Kanadier Jeff Brankley. Ergänzende Schreinerarbeiten kamen von der lokalen Blåvand/Ho Tømrer- og Snedkerforretning.
- Der Klimabezug: Das Werk adressiert den Klimawandel auf stille, aber unmissverständliche Weise. Wie Jeannette Ehlers von der Statens Kunstfond treffend formulierte: Starling hat ein Werk geschaffen, das „Land und Meer, Tradition und Gegenwart vereint und gleichzeitig den Klimawandel adressiert, der erschreckend aktuell ist."
- Die Auszeichnung: Im März 2024 erhielt „Husbåd til Ho" die Franciska Clausen Medaljen — eine der renommiertesten dänischen Kunstauszeichnungen — für ein einzelnes Werk von herausragender künstlerischer Qualität.
Dein Besuch vor Ort
Das Schöne an „Husbåd til Ho" ist seine Zugänglichkeit — und zwar im wörtlichsten Sinne: Das Kunstwerk steht im Freien an einer öffentlichen Straße am Hovej/Juulsvej in Ho und kann jederzeit und ohne Eintritt besucht werden. Kein Ticketschalter, kein Audioguide, keine Schlangen. Nur Du, der Wind vom Wattenmeer — und dieses faszinierende Objekt, das Dich ein bisschen rätseln lässt. Nimm Dir Zeit, um das Werk von allen Seiten zu betrachten. Geh einmal herum. Schau, wie sich die Schilfbündel verändern — vom Boden des Bootsrumpfes bis hoch zum Dachfirst. Wenn Du die Geschichte der bolivianischen Bootsbauer und dänischen Dachdecker im Kopf hast, siehst Du plötzlich nicht mehr nur Schilf, sondern zwei Kontinente, die sich die Hände reichen. Das Wattenmeer-Umfeld von Ho ist dabei kein zufälliger Rahmen — es ist Teil der Aussage. Hier, wo die Gezeiten täglich die Grenze zwischen Land und Wasser neu verhandeln, macht Starlings Werk seine stärkste Wirkung. Komm am besten zu unterschiedlichen Tageszeiten oder bei verschiedenem Wetter, wenn Du kannst — das Licht und der Kontext verändern den Charakter des Werkes merklich. Geparkt werden kann übrigens bequem bei Ho Kro (dem lokalen Gasthaus) oder bei Ho Kirke — beide sind fußläufig erreichbar.
📌 Kuriositäten & Fun Facts
- 7.000 Jahre alte Technik: Der Schilfbootbau, der für den Bootskörper eingesetzt wurde, ist eines der ältesten Handwerke der Menschheit — die ältesten Funde von Schilfbootresten lassen sich auf 7.000 Jahre zurückdatieren.
- Bolivien trifft Dänemark: Die Familie Esteban aus Bolivien, die das Museo de Balsas de Totora am Titicacasee betreibt, baute den Bootsteil — tausende Kilometer von Ho entfernt, und dennoch mit demselben Rohmaterial, das auch die dänischen Reetdächer kennen.
- Erster seines Zeichens: Björne Johansen, der das Reetdach übernahm, ist Dänemarks erster examinierter Reetdachdecker — ein Titel, der klingt, als wäre er gerade erfunden worden, aber das altehrwürdige Handwerk würdevoll in die Gegenwart trägt.
- Arkartig und prophetisch: Starling selbst nennt das Werk ein „arkahnliches Fahrzeug" — eine Prophezeiung für eine Welt, in der die Grenzen zwischen Land und Wasser zunehmend verschwimmen.
- Preisgekrönt im Doppelpack: 2024 wurden gleich zwei Werke aus der Gemeinde Varde mit der Franciska Clausen Medaljen ausgezeichnet — neben „Husbåd til Ho" auch „Uendelig" von Molly Haslund. Varde hat offenbar ein Händchen für außergewöhnliche Kunst.
💡 Wertvolle Zusatzinformationen
- Zugänglichkeit: Das Kunstwerk steht an einer öffentlichen Straße (Hovej/Juulsvej, Ho) und ist fußläufig erreichbar. Keine spezifischen Barrierefreiheits-Angaben bekannt, aber als Freiluft-Objekt im Freien grundsätzlich ohne Barrieren zugänglich.
- Empfohlene Besuchsdauer: Je nach Interesse an Kunst und Hintergrundgeschichte reichen 15 bis 30 Minuten gut aus — wer tiefer eintauchen möchte, nimmt sich mehr Zeit und lässt das Wattenmeer-Ambiente auf sich wirken.
- Parken: Parkmöglichkeiten befinden sich bei Ho Kro und Ho Kirke, beide in unmittelbarer Nähe des Kunstwerks.
- Wetter & Jahreszeit: Das Werk steht draußen und ist Regen, Wind und Sonne ausgesetzt — an der Nordsee empfiehlt sich wetterfeste Kleidung, egal zu welcher Jahreszeit. Das unbeständige Wattenmeer-Wetter ist hier übrigens Programm, nicht Pech.
- Kombitipp: In der Nähe lohnen sich ein Besuch der historischen Ho Kirke aus dem 15. Jahrhundert sowie ein Spaziergang in Richtung Skallingen, wo Robben sich sonnen und seltene Vögel über den Marschländern kreisen.
„Husbåd til Ho" ist kein Kunstwerk, das Du in einer Museumsvitrine hinter Glas betrachtest — es steht draußen, im Wind, zwischen Schilf und Gezeiten, und es fragt Dich ganz leise: Was passiert, wenn das Meer steigt? Was bleibt dann von dem, was wir gebaut haben — und wie klug wäre es, wenn unser Haus auch schwimmen könnte? Eine große Frage, verpackt in Schilf. Und das mitten in Ho, einem der ruhigsten Dörfer Dänemarks. Wer sagt denn, dass Kunst kompliziert sein muss?
