📖 Über Richard Winther’s House In Vindeby
Stell Dir vor, Du fährst durch die beschauliche Lolland-Landschaft, biegst in eine kleine Dorfstraße ein – und plötzlich stehst Du vor einem Haus, das aussieht, als hätte die Natur schon lange die Herrschaft übernommen. Der Garten wuchert wild und üppig, und bevor Du auch nur einen Schritt ins Innere gesetzt hast, ahnst Du: Hier war jemand am Werk, der sich um Konventionen herzlich wenig geschert hat. Willkommen in Richard Winthers Haus in Vindeby – einem der eigenwilligsten, begeisterndsten und völlig zu Unrecht unterschätzten Kunstorte ganz Dänemarks. Kein steriles Museumsgebäude, keine weißen Wände mit kleinen Schildchen. Hier ist die Wand das Kunstwerk.
Was einen hier erwartet, ist schwer in eine Schublade zu stecken – und das ist genau das Wunderbare daran. Richard Winther, im Volksmund auch schlicht „Rdo" genannt, hat das frühere Altersheim von Vindeby in sein persönliches Gesamtkunstwerk verwandelt: ein Atelier, eine Wohnung, eine Bibliothek, eine Sammlung und ein monumentales Wandgemälde-Projekt – alles unter einem Dach. Und das beste daran? Du darfst rein.
Geschichte & Hintergrund
Richard Ludvig Philip Weibull Winther wurde am 23. Juli 1926 in Maribo auf Lolland geboren – und kehrte im Alter von 67 Jahren gewissermaßen zu seinen Wurzeln zurück. 1993 erwarb er das stillgelegte Altersheim in Vindeby, nahe seiner Geburtsstadt, und machte es zu seinem Zuhause, Atelier und Lebenswerk. Was zunächst wie ein ruhiger Altersruhesitz klingen mag, entpuppte sich als das exakte Gegenteil: Winther rollte die Ärmel hoch und begann, das gesamte Innere des Hauses zu bemalen.
Bereits im Frühjahr und Frühsommer 1995 entstanden die ersten Wandgemälde. Das isolierte Leben in Vindeby sorgte allerdings dafür, dass die Öffentlichkeit jahrelang nichts von der enormen künstlerischen Ausschmückung mitbekam, die sich still und stetig über Wände, Türen und Decken ausbreitete. Winther malte dort, wo Platz war – in der Vorhalle, der Küche, dem Malerstudio, dem angrenzenden Zimmer und sogar im Toilettenraum. (Ja, richtig gelesen. Der Toilettenraum.) Auf nicht weniger als 71 Quadratmetern entstanden so insgesamt 55 Gemälde – ein autobiografisches Panorama von einzigartiger Dichte und Tiefe.
Richard Winther lebte und arbeitete in diesem Haus bis zu seinem Tod am 30. August 2007. Danach übernahm der Verein „Richard Winthers Hus i Vindeby" die Verantwortung für das Gebäude und die Erhaltung der Wandgemälde. Seitdem kümmern sich engagierte Ehrenamtliche darum, dass dieses einzigartige Zeugnis dänischer Kunstgeschichte erhalten bleibt und der Öffentlichkeit zugänglich ist.
Besonderheiten & Highlights
Richard Winther war zwar in der breiten Öffentlichkeit kein Haushaltsname, aber in Fachkreisen eine hoch respektierte Größe. Von Beginn der 1950er-Jahre bis zu seinem Tod war er eine zentrale Figur im dänischen Kunstleben – und weit darüber hinaus. Er gehört zu den wenigen dänischen Künstlern, die vom Museum of Modern Art (MoMA) in New York zu einer Einzelausstellung eingeladen wurden. Er erhielt 1971 die Eckersberg-Medaille und 1997 die Thorvaldsen-Medaille, Dänemarks höchste Auszeichnung für bildende Künstler. Ab 1974 wurde ihm ein lebenslanges Stipendium der Danish Arts Foundation zuerkannt, und von 1980 bis 1986 lehrte er als Professor an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen.
Was aber in Vindeby entstand, ist etwas ganz anderes als alles, wofür er zuvor bekannt war. Die Wandgemälde bilden ein dichtes, symbolreiches Panorama seines Lebens: seine Beziehungen zu Frauen, seine Sexualität, seine Arbeit als Künstler, seine Haltung zu Gesellschaft, Christentum, Buddhismus und der ganz alltäglichen Realität. Winther drückt sich dabei durch Symbole und Allegorien aus, die aus europäischer Mythologie, Kunstgeschichte, Literatur und nicht zuletzt aus Ovid schöpfen. Das klingt vielleicht schwer und akademisch – ist es aber nicht. Es ist persönlich, direkt, oft überraschend sinnlich, manchmal obskur, manchmal augenzwinkernd komisch.
Besonders bemerkenswert ist auch das Material: Die Spätwerke entstanden auf Kartonpappen aus dem lokalen Supermarkt, gemalt mit Farbe, die Winther aus dem Sperrmüll gerettet hatte. Das ist keine Sparmaßnahme, das ist Programm – und es verleiht den Werken eine raue, unmittelbare Energie, die in keinem teuren Atelier entstanden wäre. Kunsthistoriker vergleichen das Haus mit Kurt Schwitters' Merzbau oder Henry Heerups Aktivitäten in seinem Garten in Rødovre: ein dänisches Gesamtkunstwerk im wahrsten Sinne des Wortes.
Und dann ist da noch der Garten. Wild, verwuchert, von der Natur in Besitz genommen – und das mit vollständiger Absicht. Die Vereinsvorsitzende Birthe Hvarre erklärt es schlicht: So wäre es ganz im Sinne Richard Winthers. Wer Schilder erwartet, die „Bitte nicht betreten" sagen, wird hier eines Besseren belehrt. Hier sagen die Schilder: „Ja, das soll so aussehen."
Dein Besuch vor Ort
Ein Besuch im Richard-Winther-Haus ist kein selbstgeführter Museumsgang mit Audioguide – und das ist absolut wunderbar so. Jeder Gast bekommt eine persönliche Führung, bei der erklärt wird, warum das Haus so aussieht, wie es aussieht. Die Ehrenamtlichen, die das Haus betreiben, tun das mit echter Leidenschaft, und man merkt bei jedem Satz, dass hier Menschen am Werk sind, die diesen Ort von Herzen lieben.
Das gesamte Ausstellungsgebiet umfasst 250 Quadratmeter – verteilt auf Räume, die noch immer den Charakter von Winthers Lebensraum tragen. Du siehst nicht nur Gemälde an Wänden; Du bewegst Dich durch die Räume eines Menschen, der hier gelebt, gearbeitet, gedacht und geschaffen hat. Und wenn Du möchtest, kannst Du Dich in Richard Winthers eigenen Stuhl setzen – von ihm selbst entworfen und von seinem Sohn Tobias Winther ausgeführt. (Das ist einer dieser Momente, bei dem man kurz inne hält und denkt: Wow, das ist wirklich echt.)
Während der Saison finden wechselnde Ausstellungen mit Werken von Winther statt, ergänzt durch Events, Vorträge, Musik und Konzerte. Die gesamte Saison 2026 steht ganz im Zeichen des 100. Geburtstags von Richard Winther – eine Jubiläumssaison, die ausschließlich seinem Werk gewidmet ist, mit besonderem Fokus auf die Pferde- und Kamera-Themen, die einen großen Teil seines Schaffens ausmachten. Ein besonderer Zeitpunkt also, um diesem Ort einen Besuch abzustatten.
Noch ein herzerwärmender Hinweis für alle, die einen Vierbeiner mitbringen möchten: Hunde sind hier ausdrücklich sehr willkommen. Wer also seinen treuen Begleiter dabei hat, kann ihn getrost mitbringen – Richard Winther hätte das sicher gefallen.
📌 Kuriositäten & Fun Facts
- Richard Winther begann bereits im Alter von zehn Jahren, Kunst zu schaffen und stellte seine Gemälde noch während seiner Schulzeit aus. Aufzeichnungen seiner Werke gehen bis in die frühen 1940er-Jahre zurück.
- Mit ebenfalls zehn Jahren entdeckte er die Fotografie – motiviert durch die Leidenschaft seines Vaters und seines älteren Bruders Lambert. Später begann er sogar, eigene Kameras zu bauen, um über die Grenzen konventioneller Fotografie hinauszugehen. Die sogenannte M-Serie von Fotoapparaten – konstruiert aus ausgemusterten Kameras – entstand unter anderem in dem Haus in Vindeby.
- Von 1966 bis 1987 lebte Winther in Nivå und nannte sich in Anlehnung an die italienischen Renaissancemeister „Ricardo da Nivå". (Ein Künstler, der sich nach einer dänischen Kleinstadt benennt wie ein Florentiner Meister – das nenn ich Stil.)
- In den Jahren 1946 bis 1949 reiste Winther wiederholt nach Paris und erwarb dort Werke von Alberto Giacometti, Max Ernst und Joan Miró – Giacomettis Werke kaufte er direkt vom Künstler.
- Winther war Mitbegründer der Künstlergruppe Linien II, lehrte an der Experimentellen Kunstschule (Eks-Skolen) und war Mitglied der Gruppe Arme og Ben – was auf Dänisch buchstäblich „Arme und Beine" bedeutet. Ein Name, der so viel Interpretationsspielraum lässt wie die Werke selbst.
- Das Haus diente auch als Kulisse für eine große biografische Ausstellung über den Bildhauer Johannes Wiedewelt und für die Herstellung einer Florence-Nightingale-Statue.
💡 Wertvolle Zusatzinformationen
- Anfahrt & Parken: Das Haus befindet sich an der Marrebækvej in Vindeby, nahe Horslunde auf Lolland. Rollstuhlfahrer können direkt an der neu errichteten Behindertenrampe an der Westseite des Hauses parken und diesen Eingang nutzen. Andere Besucher können beim nahegelegenen Gemeinschaftshaus (Toftevej 135, Vindeby) parken.
- Barrierefreiheit: Es gibt einen barrierefreien Zugang mit Behindertenrampe und Behindertenparkplatz.
- Empfohlene Besuchsdauer: Plane mindestens ein bis zwei Stunden ein – die geführte Rundtour braucht Zeit, und die Atmosphäre des Hauses lädt zum Verweilen ein. Bei Konzerten oder Sonderveranstaltungen entsprechend mehr.
- Wichtiger Hinweis: Das Haus wird ausschließlich von Ehrenamtlichen betrieben. Werktags ist ein Besuch nur nach vorheriger Vereinbarung möglich – bitte rechtzeitig kontaktieren.
- Hunde: Ausdrücklich sehr willkommen!
- Kombitipp: Im selben Dorf Vindeby steht eine historische Holländermühle, die im Sommer für Besucher öffnet. Wer das Jubiläumsjahr 2026 voll auskosten möchte: Die Nivaagaard Malerisamling zeigt von Mai bis September die Sonderausstellung „Richard Winther – 100 Years", und das Fuglsang Kunstmuseum im Osten Lollands bietet mit seiner Sammlung dänischer Kunst vom 18. bis 20. Jahrhundert einen wunderbaren ergänzenden Kontext.
Richard Winthers Haus in Vindeby ist einer jener seltenen Orte, die man nicht einfach „besucht" – man erlebt sie, und sie hallen noch lange nach. Ein Künstler, der ein Altersheim kaufte und es in sein Lebenswerk verwandelte, der auf Supermarkt-Karton und Sperrmüll-Farbe malte und dabei ein Werk schuf, das Kunsthistoriker in einem Atemzug mit Kurt Schwitters nennen – das ist keine kleine Geschichte. Das ist eine große. Fahr hin, lass Dich führen, setz Dich in den Stuhl, und geh mit dem Gefühl nach Hause, etwas Echtes gesehen zu haben. Das kann kein Museumsshop der Welt reproduzieren.
