Das Verschwinden des dänischen Segelschulschiffs „København“ im Januar 1929 bleibt eines der größten ungelösten Rätsel der Seefahrtsgeschichte. Die Tragödie, bei der 60 junge Menschen an Bord vermisst wurden, beschäftigte nicht nur das dänische Publikum, sondern wurde auch international breit rezipiert – dies führte zu einer Vielzahl von Mythen, Gerüchten und frei erfundenen Geschichten, die bis heute die öffentliche Wahrnehmung prägen.
Schon kurz nach dem Verschwinden kursierte die erste Falschmeldung: Im April 1929 wurde unweit von Malmö eine vermeintliche Flaschenpost gefunden, angeblich von einem der Schüler des Schiffs, die berichtete, das Schiff sei auf die Norfolk-Insel bei Neuseeland gestrandet. Trotz offensichtlicher Unwahrscheinlichkeit – die Entfernung und Meeresströmungen hätten einen solchen Fund nahezu unmöglich gemacht – verbreitete sich die Geschichte rasch, nicht zuletzt wegen der Hoffnung verzweifelter Angehöriger.
In den folgenden Jahren tauchten weitere Spekulationen auf, wie 1934 eine spektakulär ausgeschmückte, aber falsche Meldung, das Schiff sei zwischen Eisbergen zerquetscht worden. Die Nachricht, ursprünglich veröffentlicht durch die New York Times und ausgelöst durch ein literarisches Werk des argentinischen Präsidentensohns Liborio Justo, wurde von vielen Medien aufgegriffen. Erst durch diplomatische Nachforschungen konnte klargestellt werden, dass es sich hierbei um einen literarischen Text – keine authentischen Tagebuchaufzeichnungen – handelte.
Zudem setzte 1935 eine südafrikanische Zeitung eine weitere Geschichte in Umlauf: Knochenfunde und eine Rettungsbootentdeckung in der namibischen Wüste wurden auf das Schicksal der „København“ zurückgeführt. Auch diese Meldung stellte sich nach Intervention dänischer Behörden und direkter Rücksprache mit Expeditionsteilnehmern als haltlos heraus.
Für deutsche Leser zeigt der Fall „København“, wie in Zeiten unvollständiger Informationen Gerüchte entstehen und sich trotz Dementis hartnäckig halten können – ein Phänomen, das auch heute im Zeitalter von Social Media relevant ist. Die Geschichte steht beispielhaft für den Umgang mit Vermisstenfällen und die emotionale Belastung Betroffener.
Das Sea War Museum Jutland in Nordwest-Jütland widmet sich dem Thema ausführlich. Neben Informationen zum Schicksal der „København“ erhalten Besucher Einblicke in die Mechanismen der Berichterstattung über maritime Unglücke und können sich vor Ort selbst ein Bild machen.
